Tillier, Anton von

Geschichte des eidgenössischen Freistaates Bern

von seinem Ursprunge bis zu seinem Untergange im Jahre 1798

Johann Anton von Tillier entstammte einer Familie des bernischen Patriziates, deren Mitglieder seit dem 16. Jahrhundert in den Räten sassen und wichtige Ämter der Republik bekleideten. Johann Anton erlebte die politischen Umbrüche in Bern und in der Eidgenossenschaft in den Jahren von 1798 bis 1848 als Zeitzeuge und Mithandelnder. Nach Studien in Bern, Genf und Jena (Geschichte und Jurisprudenz) wurde er 1823 in Bern Mitglied des Grossen Rates, 1824 Appellationsrichter, 1831 und 1840 Regierungsrat, 1846 und 1848 Präsident des Grossenrates und 1848 Nationalrat. Obgleich selber Patrizier, stand er der alten Aristokratie kritisch gegenüber, schloss sich aber weder den Liberalen (nach 1831) noch den Radikalen (nach 1846) vorbehaltlos an, sondern wahrte gegenüber allen tagespolitischen Strömungen eine kühle Distanz; das verschaffte ihm zwar weit herum Achtung, aber kaum begeisterte Anhänger.

Seine historischen Werke verfasste er neben und zwischen seinen politischen Aktivitäten. Mit seinen Publikationen zur Helvetik (1843), zur Mediation (1845/46), zur Restauration (1848/50) und zur Regeneration (1854/55) schuf er die erste Gesamtdarstellung der Schweizergeschichte in den Jahren des Umbruchs von 1798 bis 1848. Vor diesen zeitgeschichtlichen Darstellungen erschienen seine «Geschichte der europäischern Menschheit im Mittelalter» in 4 Bänden (Basel 1829/30) und seine «Geschichte des Freistaates Bern» (Bern 1838–40). In dieser Geschichte des alten Staates Bern beschränkte er sich nicht auf eine Kompilation älterer Arbeiten, sondern arbeitete in den Archiven, vertiefte sich in das Quellenstudium und bemühte sich um grösstmögliche Faktentreue und Faktenfülle. Der streng chronologische, nahezu annalistische Aufbau seines Werkes erschwerte ihm allerdings den Blick auf die längerfristigen historischen Entwicklungen und Verknüpfungen. Sein Interesse galt vornehmlich der politischen Geschichte. Ausführungen zu den kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnissen fügte er den einzelnen ereignisgeschichtlichen Kapiteln lediglich als Zusätze bei. Die Berner Geschichte von Johann Anton von Tillier ist von Historikern und Laien auch nach dem Einsetzen der neueren kritischen Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder benützt und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein rezipiert worden.

Literatur: Emil Blösch, Johann Anton von Tillier, in: Sammlung bernischer Biographien 2, Bern 1896, S. 542–547; Ernst Burkhard, Johann Anton von Tillier als Politiker, in: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern XLVII, 1963, S. 1–407; Richard Feller/Edgar Bonjour, Geschichtsschreibung der Schweiz 2, Basel 1979, S. 612–616.

Urs Martin Zahnd