Auctor Lampadius
Compendium Musices (1537)
Zurück zur Übersicht
 
Exemplar des Erstdrucks Padova, Biblioteca
universitaria, A-D8E4F-G8
Übertragung und deutsche Übersetzung

Auctor Lampdadius : Compendium Musices (1537)

Titelblatt Wannenmacher

Lampadius´ Vita
Geboren um 1500 in Braunschweig, ist über Lampadius´ Ausbildung und Werdegang nur wenig bekannt. Zwischen 1532 und 1535 erhielt er eine Berufung an die Johannisschule in Lüneburg, wo er bis 1537 als Kantor amtete. In dieser Zeit sammelte er wohl den Grossteil seiner musikalischen Erfahrung, denn danach war er zunächst Hofprediger in Wernigerode und dann Pfarrer an der Martinikirche in Halberstadt. Es folgten ab 1540/41 die Immatrikulation an der Universität Leipzig und die Publikation mehrerer theologischer Abhandlungen. In Halberstadt verstarb Lampadius schliesslich anno 1559.

Compendium Musices
Verfasst hat Lampadius seinen Traktat Compendium musices also während seiner Amtszeit an der Johannisschule in Lüneburg, und offenbar entsprang er unmittelbar seiner dortigen Lehrtätigkeit. Das Büchlein ist zwei einheimischen Studenten Lüneburgs gewidmet und richtet sich vornehmlich an junge Anfänger, die sich in die ars musicae vertiefen wollen. Warum Lampadius sein Compendium in Bern bei Mathias Apiarius drucken liess, ist nicht klar, möglicherweise spielten sowohl Apiarius´ eigene kompositorische Tätigkeit sowie dessen Erfahrung im Musikdruck eine Rolle.

Obwohl Lampadius selber nicht sehr innovativ war, sondern vielfach auf ältere Traktate zurückgriff, blieb sein Werk nicht ohne Erfolg: Es hinterliess Spuren bei späteren Theoretikern wie Coclico, Lossius und Dressler (1) und brachte es bis zu fünf Auflagen - die letzte wurde 1554 durch Samuel Apiarius gedruckt.
Wie der Titel bereits andeutet, ist das Meiste ziemlich kurz gefasst und stellenweise derart reduktionistisch formuliert, dass eine Deutung nicht ganz einfach ist. Lampadius verweist für ausführlichere Informationen auch immer wieder auf die Musicae von Rhau und Ornitoparch. Gemeint sind damit das Enchiridion utriusque musicae practicae (Wittenberg 1517) von Georg Rhau und die Musice active micrologus (Leipzig 1517) des Andreas Ornitoparch, die ihm beide als Vorlagen dienten.

Als absolute Autorität in kompositorischer Hinsicht gilt dem Autor Josquin Desprez. Besonders im Abschnitt über die Komposition verweist er stets auf den franko-flämischen Komponisten, dessen Gesänge nicht nur sehr kunstvoll mit Fugen und Kanons ausgestattet seien, sondern auch durch Feinheit und Lieblichkeit glänzten. Regelrecht polemisch werden dagegen all die untauglichen Nacheiferer Josquins abgefertigt, wie Lampadius überhaupt alle musikalische Inkompetenz recht harsch kritisiert. So spricht er bei den Voraussetzungen für gutes Komponieren davon, dass einer zunächst einmal nicht aus dem gewöhnlichen "Musikerdreck" kommen dürfe.

Im Kontext der vielen musiktheoretischen Abhandlungen jener Zeit steht das Compendium musices von der Bedeutsamkeit her zwar hinter anderen zurück, ist jedoch insofern von historischer Signifikanz, als in ihm das früheste Beispiel einer gedruckten Vokalpartitur (tabula compositoria) enthalten ist. Es handelt sich dabei um den Beginn von Verdelots Motette Sancta Maria sucurre nobis, der auf Seite 98 in Partiturform erscheint.Um diese ordo distribuendi voces, wie sie Lampadius auch nennt, entbrannte in neuerer Zeit ein wissenschaftlicher Disput, der sich um die Auslegung der entsprechenden Textstelle und um deren Bedeutung für den historischen Kontext drehte. (2)

Aufbau des Traktats
Nach einigen Vorworten und einem Lobgedicht auf die Musik gliedert sich Lampadius´ Traktat in drei Abschnitte von ungefähr gleicher Länge. Die Form ist die eines einseitigen Dialoges, wobei der Schüler die Fragen stellt, die umgehend durch den Lehrer beantwortet werden. In einem ersten Teil handelt Lampadius in prägnanter Weise die Grundlagen (clavis, voces, intervalla, toni,...) im Rahmen der Musica choralis ab, die er meist an einstimmigen Beispielen in Choralnotation illustriert. Daran schliesst sich die Ausführung über die Musica mensuralis an, die auch als musica nova bezeichnet wird. Hier dreht sich alles um die verschiedenen Notenwerte, die Interpretation der Ligaturen und um das komplexe Gefüge der Taktarten mit den möglichen Proportionsverhältnissen. Im dritten Schwerpunkt ("Über die Komposition") tritt dann die eigentliche Form des Dialoges zurück und weicht hauptsächlich einer Zusammenstellung von Regeln, die das richtige und gute Komponieren im mehrstimmigen Satz veranschaulichen sollen. Lampadius beendet seinen Traktat mit dem Aufruf, das Gelernte nicht nur dem Gedächtnis anheimzustellen, sondern auch in der Praxis umzusetzen und zu befolgen.

Editorische Notizen
Die Übersetzung basiert auf dem Berner Erstdruck von 1537. Verwendet wurde ein Mikrofilm des Exemplars aus der Brüsseler Nationalbibliothek (Signatur MIC LP 409). Bei der parallel aufgeschalteten digitalen Version handelt es sich ebenfalls um den Erstdruck. Das Exemplar stammt jedoch aus der Biblioteca universitaria di Padova (Signatur A-D8E4F-G8).

Die hier folgende, zweispaltige (Latein/Deutsch) Übersetzung übernimmt soweit als möglich die originale textliche Disposition, also auch die inkonsequente Gross-/Kleinschreibung. Editorische Zusätze sind jeweils in eckigen Klammern angefügt, so zum Beispiel die Seitenzahlen oder die nicht übertragbaren Notenbeispiele und Tabellen. Sämtliche Abkürzungen (Bsp.: congestù für congestum; eruditis: für eruditissimis, etc.) wurden jedoch stillschweigend ergänzt, um aufgrund ihres häufigen Vorkommens den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen.

Was die Übersetzung einzelner Termini anbelangt, wurden sie nur dann in der lateinischen Schreibweise belassen, wenn entweder aus der heutigen Fachsprache kein adäquater Ausdruck zur Verfügung stand oder eine wortwörtliche Übertragung keinen Sinn ergab. Ansonsten wurde das moderne Vokabular benutzt, um einen verständlichen Text zu erzeugen, der dem theoretischen Sachverhalt dennoch gerecht wird.


(1) Thomas Röder, s.v. Lampadius, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil, Band 10, Kassel 2003, Sp. 1113f.

(2) Nachzulesen in folgenden Zeitschriftenartikeln: Edward E. Lowinsky, On the Use of Scores by Sixteenth-Century Musicians, in: Journal of the American Musicological Society, Vol. 1, Nr. 1, University of California Press 1948, S. 17-23; Ruth Hannas, Communications, in: JAMS, Vol. 2, Nr. 2, 1949, S. 130-132 und Vol. 3, Nr. 1, 1950, S. 63-68; Suzanne Clercx, "D´une Ardoise aux Partitions du XVIème Siècle", in: Mélanges d´Histoire et d´Esthétique Musicales Offerts à Paul-Marie Masson, Vol. 1, Paris 1955, S. 157-170; Edward E. Lowinsky, Early Scores in Manuscript, in: JAMS, Vol. 13, Nr. 1, California 1960, S. 126-173.


4.9.2009 Michael Matter